"Finnlands Militärgeheimdienst
„Das erhöht das Risiko von Unruhen in Russland“
Russland ist für einen Angriff auf die Nato derzeit nicht gerüstet, kann den Krieg gegen die Ukraine aber noch lange durchhalten, sagt der Chef des finnischen Militärgeheimdienstes. Im Interview erklärt er, welches Szenario für Putin gefährlich werden könnte.
Seit mehr als zwei Jahren hält Finnland seine rund 1340 Kilometer lange Ostgrenze geschlossen. Pekka Turunen, Chef des Geheimdienstes der finnischen Streitkräfte, beobachtet den Aufbau neuer Infrastruktur durch die russische Armee entlang dieser Grenze genau. Der 58-Jährige war bis 2021 als Verteidigungsattaché in Russland akkreditiert.
WELT: Herr Turunen, Sie sind überzeugt, dass Russland willens und fähig ist, seinen Abnutzungskrieg in der Ukraine fortzusetzen, und dass Putin sehr zuversichtlich ist, diese Konfrontation mit dem Westen zu gewinnen. Warum?
Pekka Turunen: Wir erkennen keinerlei Veränderung in der russischen Position, in der Aktivität oder im Verhalten. Die Russen verfolgen weiterhin die Ziele, die sie ganz zu Beginn angekündigt haben. Sie sehen nicht, dass sich die Lage für sie verändert hat. Sie interpretieren die Situation so, als würden sie gewinnen.
WELT: Ist es denn so?
Turunen: Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Sie haben keines der angekündigten strategischen Ziele erreicht. Sie haben ihre territorialen Ziele nicht erreicht, sie haben keine ihrer sogenannten „Entnazifizierungs“-Ziele erreicht. Also gewinnen sie nicht. Aber sie sehen sich selbst als Gewinner.
WELT: Dennoch hat Russland im vergangenen Jahr monatlich rund 450 Quadratkilometer erobert, was ungefähr der Fläche der Stadt Köln entspricht. Halten Sie angesichts der gravierenden Personalprobleme der Ukraine einen größeren russischen Durchbruch an der Front in diesem Jahr für wahrscheinlich?
Turunen: Nein. Es handelt sich weiterhin um langsame Geländegewinne, und wir sehen nicht, dass es zeitnah zu einem echten Durchbruch kommen wird.
WELT: Der ehemalige CIA-Direktor David Petraeus sagte im Gespräch mit WELT vor wenigen Monaten voraus, dass der russische Nationale Wohlfahrtsfonds in diesem Jahr aufgebraucht sein wird. Sie glauben jedoch nicht, dass ein finanzieller Kollaps Russlands wahrscheinlich ist. Warum?
Turunen: Wir sehen, dass dieser Wohlfahrtsfonds noch etwa 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts umfasst – vermutlich rund 50 Milliarden Dollar (etwa 42 Millionen Euro, Anm. d. Red.). Der Kreml wird versuchen, dieses Niveau zu halten und die Finanzierung auf andere Weise zu organisieren. Der Fonds ist als Reserve gedacht, für den Fall, dass wirklich jede andere Ressource fehlt. Ich denke, er hat jetzt ein Niveau erreicht, auf dem er nicht weiter für die laufenden Ausgaben genutzt werden kann. Wie kann Russland also überleben? Es ist wahrscheinlich, dass sie versuchen werden, Kreditmärkte innerhalb Russlands zu öffnen und so Mittel für die Kriegsführung für die nächsten paar Jahre zu beschaffen. Ein Kollaps ist unwahrscheinlich. Natürlich haben die Russen Schwierigkeiten, aber sie können den Krieg zumindest in diesem Jahr und vielleicht auch im nächsten fortsetzen. Daher bewerten wir die Finanzierung nicht als den kritischsten Faktor, wenn es um die Kriegsführung geht.
WELT: Einerseits setzt Russland die Umstrukturierung seiner Streitkräfte fort, wobei Putin eine Erhöhung der Truppenstärke auf 1,5 Millionen Soldaten anstrebt. Andererseits sind die Verluste seiner Armee in der Ukraine immens. Wie ernst ist die Gefahr eines weiteren russischen Angriffs in Europa in absehbarer Zukunft?
Turunen: Wenn wir uns derzeit die Lage an der Front ansehen, ist es unwahrscheinlich, dass Russland einen weiteren Feldzug gegen die Nato führen kann, weil alle Ressourcen derzeit an der ukrainischen Front gebunden sind. Auch wenn der Krieg in diesem Sommer enden würde, wäre das noch kein belastbarer Frieden. Russland muss weiterhin Kräfte in der Nähe der ukrainischen Grenze vorhalten. Es ist möglich, dass etwa die Hälfte der Kräfte, die Russland derzeit dort hat, freigesetzt und in die Heimatgarnisonen zurückverlegt werden könnte – also ungefähr 300.000 Soldaten.
WELT: Welche Schwachpunkte gibt es?
Turunen: Die Ausrüstung ist der springende Punkt. Die Armee verfügt über unbemannte Systeme, Raketen und Präzisionswaffen, aber nicht über die entsprechende Ausrüstung für große Bodentruppen. Es wird Russland mehrere Jahre kosten, bis die Armee wirklich bereit ist, einen Feldzug gegen westliche Streitkräfte zu führen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie während dieses Jahrzehnts in der Lage wäre, irgendeine Art von groß angelegter Operation gegen Nato-Streitkräfte durchzuführen. Natürlich weiß man nie – sie könnten etwas anderes im kleineren Maßstab machen, eher im Bereich der hybriden Kriegsführung. Das ist möglich. Aber keine groß angelegte Operation.
WELT: Wenn ich Sie richtig verstehe, ist Ihre Hoffnung auf eine Waffenruhe oder ein Friedensabkommen in diesem Jahr sehr begrenzt.
Turunen: Ja. Ein ausgehandeltes Friedensabkommen, das die Souveränität der Ukraine wirklich absichern würde, halten wir angesichts der derzeitigen russischen Position nicht für realistisch. Es wird lange dauern, bis beide Parteien ein solches Abkommen erreichen würden. Gegenwärtig sieht es nicht gut aus. Natürlich weiß man nie – das könnte sich innerhalb kurzer Zeit ändern, wenn sie wirklich die Friedensverhandlungen vorantreiben wollten. Aber alles im russischen Verhalten deutet darauf hin, dass die westliche Haltung den Kreml nur konfrontativer und selbstbewusster gemacht hat.
WELT: Der für mich überraschendste Teil Ihres Jahresberichts ist die Einschätzung eines erhöhten „Risikos von Unruhen, die sich gegen die Regierung richten“ in Russland. Bislang gab es keinerlei groß angelegte Proteste gegen Putins Krieg, der Staat geht rigoros gegen jede Kritik vor. Welches Szenario meinen Sie damit?
Turunen: Dass es über einen längeren Zeitraum Auswirkungen auf andere Bereiche der Gesellschaft geben wird. Dies ist der Fall, wenn nahezu alle Ressourcen auf den Krieg ausgerichtet werden. Das Geld für soziale Leistungen fehlt. Unternehmen, die ausschließlich zivile Güter produzieren, werden möglicherweise nicht mehr überlebensfähig sein oder mit
Finanzierungsproblemen zu kämpfen haben. Wenn sich die Lebensbedingungen so weit verschlechtern, dass die Menschen erkennen, dass es keinen anderen Ausweg gibt, könnten sie auf die Straße gehen. Das erhöht das Risiko von Unruhen.
WELT: Die Ukraine hat ihren Fokus auf asymmetrische Angriffe gegen Russland verlagert. Kürzlich gab es Berichte über ukrainische Angriffe auf Schiffe der russischen Schattenflotte. In der Ostsee beobachten Sie zunehmend aggressive russische Begleitoperationen. Können Sie erklären, wie diese aussehen?
Turunen: Die russische Ostseeflotte eskortiert Schiffe der sogenannten Schattenflotte, also zivile Handelsschiffe. Auf diese Weise versucht sie, in der Ostsee gegenüber der Nato Stärke zu demonstrieren.
WELT: Und Sie sehen dies auch als ein mögliches Szenario, in dem ein Konflikt ausbrechen könnte?
Turunen: Natürlich. Wenn der Kapitän eines Schiffes die internationalen Vorschriften nicht befolgt und es an Professionalität mangelt, kann dies zu Zwischenfällen auf See führen. Solche Zwischenfälle könnten sich dann auf die nächste Ebene hochschaukeln, bei der die Gegenseite die Situation ernster nimmt und dann noch ernster.
WELT: Es scheint in dieser sich schnell verändernden Weltordnung recht schwierig zu sein, klar zu definieren, wer Freund, wer Verbündeter, wer Gegner oder wer ein Feind ist. Was bedeutet das für Geheimdienste wie den Ihren?
Turunen: Die Welt der Geheimdienste ist ein wenig anders als die reale. Nachrichtendienste können Beziehungen haben und zusammenarbeiten, auch wenn die Regierungen politisch nicht auf derselben Linie sind.
WELT: Sie kennen die Diskussionen über Europas Abhängigkeit von US-Geheimdienstinformationen. Die US-Regierung hat im vergangenen Jahr den Informationsaustausch mit der Ukraine bereits für mehrere Tage ausgesetzt, und wir haben zumindest politische Drohungen gesehen, dies erneut zu tun. Würden Sie zustimmen, dass diese Abhängigkeit ein existenzielles Risiko für Europa darstellt?
Turunen: Zum jetzigen Zeitpunkt teile ich diese Einschätzung nicht. Politische Aussagen können sich von der Realität unterscheiden. Wir haben auf unserer Seite keine entsprechende Einschätzung.
WELT: Der französische Präsident Emmanuel Macron hat kürzlich gesagt, dass sein Land inzwischen zwei Drittel der von der Ukraine genutzten Geheimdienstinformationen liefert. Leistet Finnland in diesem Bereich ebenfalls einen Beitrag? Können Sie bestätigen, dass Europa nun den größten Teil der Geheimdienstarbeit in der Ukraine übernimmt?
Turunen: Das ist ein Bereich, in dem wir keine Stellungnahmen abgeben.
WELT: In Deutschland diskutieren wir darüber, wie die Nachrichtendienste gestärkt werden können. Der Bundesnachrichtendienst (BND) will mit einigen Jahren Verspätung bald einen eigenen Satelliten für die Aufklärung ins All schicken. Finnland setzt zunehmend weitreichende Waffen ein und benötigt dafür hochpräzise Zieldaten. Ist das ein Bereich, in dem Europa seine eigenen Fähigkeiten ausbauen sollte?
Turunen: Definitiv. Wir müssen hier besser werden, wenn wir auf den aktuellen Krieg schauen – etwa darauf, welche Taktiken und Waffen eingesetzt werden. Präzisionsgelenkte Waffen sind bereits da, und die Entfernungen werden immer größer. Wir müssen besser werden, wenn es um die Unterstützung der Zielzuweisung geht, und diese Unterstützung ist Nachrichtendienstgeschäft. Hier müssen wir besser werden.