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Wer jetzt auftrumpfen will, ist nur dem historischen Wandel nicht gewachsen, ängstlich und ein Verlierer:Demografiekrise: Das multikulturelle Deutschland kommt viel schneller als geahnt
Fast die Hälfte der Neugeborenen hat bereits einen Migrationshintergrund. Nach dem Abtreten der Boomer-Generation wird die „biodeutsche“ Bevölkerung zur Minderheit.
Außerdem lässt sich Migration eh nicht bremsen und Mauern funktionieren nicht:Um es gleich vorwegzunehmen: Vom „Großen Austausch“ oder von „Umvolkung“ wird hier nicht die Rede sein. Hinter solchen Begriffen verbergen sich Angstprojektionen von Menschen, die dem historischen Wandel nicht gewachsen sind. Sie zählen notwendig und stets zu den Verlierern; das ist so, seit die neolithische Revolution die Jäger und Sammler mit dem Ackerbau konfrontierte.
Homogenität gab es doch eigentlich eh nie und diese ist nur ein Hirngespinst oder nicht? Hier irritiert man:Heute ist das anders. Transport- und Kommunikationssysteme umspannen den Planeten; wirtschaftliche Vernetzung, Not und Mut lösen Wanderungsbewegungen aus. Migration lässt sich in Bahnen lenken, unterbinden lässt sie sich nicht – allenfalls auf abgelegenen Inseln wie Japan. Für die Großregionen um das Mittelmeer, Schnittpunkt der afrikanischen, orientalischen und europäischen Welt, ist eine solche Vorstellung absurd.
Migration macht etwas mit der Gesellschaft. Sie bringt Verlusterfahrungen, sowohl für die Zuwanderer als auch für die Menschen im Aufnahmeland. Dort geht Vertrautheit verloren, erst recht in einer ethnisch über lange Zeit weitgehend homogenen Gesellschaft wie Deutschland. Der Wandel zur Heterogenität bewirkt kollektiven Stress.
Und dieser Wandel vollzieht sich rapide. Biodeutsche Homogenität herrscht allenfalls noch bei Wahlkampfveranstaltungen der Grünen und der AfD, oder bei Lesungen der Altbundeskanzlerin Angela Merkel. Jenseits solcher Schutzräume wirft die Gesellschaft Blasen. Ein Gärprozess ist im Gange, der Umwälzungen verspricht.
Schon heute haben 40 und mehr Prozent der Neugeborenen in Deutschland einen Migrationshintergrund; manche Quellen sprechen von der Hälfte. Ein Gleichstand bei den Geburten – mit und ohne Migrationshintergrund – wird spätestens nach 2030 erreicht.
Der Gleichstand mit Blick auf die Gesamtbevölkerung (mit und ohne Migrationshintergrund) folgt dann nach 2050, spätestens um 2060 – in Berlin und den westdeutschen Ballungszentren wesentlich früher.
Auch wenn es über solche Zeiträume hinweg keine wirklich belastbaren Prognosen gibt: Bei Fortschreibung der gegenwärtigen Trends (Zuwanderung, Geburtenrate, Lebenserwartung) macht die indigene deutsche Bevölkerung im Jahr 2100, zur nächsten Jahrhundertwende, nur noch 25 bis 35 Prozent aus.
Die multikulturelle Zukunft wird abgelehnt, ganz so, als sei die Wiederkehr der Vergangenheit ein realisierbares politisches Projekt.
Dann gibt es die Antideutschen, die in der deutschen Identität und der deutschen Nation ein Übel an sich sehen, das überwunden werden muss. Der überwiegende Teil der links oder linksgrün Fühlenden hängt universalistischen Ideen an; es herrscht eine Vorstellung von Gleichheit, der das eigene, progressive „Wir“ als Maßstab dient.
Will sagen: Wer zu uns kommt und unter uns lebt, wird automatisch so werden, wie wir schon sind. So fortschrittlich, so liberal, so aufgeklärt, so tolerant, so säkular, so kinderlos, so diversitätsverliebt. Nach ein, zwei Generationen sind alle Unterschiede glattpoliert.